Geschichte von Wietersheim in Petershagen

Erste Kunde vom Vorhandensein von Menschen auf dem Boden des heutigen Wietersheim geben uns mehrere allseitig geschliffene Geräte aus Felsgestein, nach ihrer Form banannte Schuhleistenkeile und Flachbeile.

Sie wurden auf dem Lößboden am „Wietersheimer Turm“ gefunden und stammen von Bandkeramikern, den nach den bandförmigen Verzierungen ihrer Tongefäße benannten ersten Bauern Europas, zu Beginn der Jungsteinzeit.

Im „Schoppenbarg“, der Erhebung im äußersten Südwesten der Weser, hat man Urnen aus der Broncezeit gefunden, und Siedlungsfunde im „Öxterfeld“ und im Ortsteil „Auf dem Sande“ führen in die ersten Jahrhunderte n. Chr., also über die Zeit der Kämpfe mit den Römern hinaus.

Von einem Dorf Wietersheim hören wir aber erst in 13. Jahrhundert. In einer Urkunde, ausgestellt um 1233, bekundet das Kapitel des Klosters Obernkirchen, dass Reinhard von Wietersen und sein Bruder der Nonne Hildegunis eine halbe Hufe Land verkauft haben. Diese Wietersen, im Plattdeutschen immer noch Wietsen gennant, ist unser heutiges Wietersheim. Sein neue und aktuelle Namensform hat es erst seit dem 16. Jahrhundert.

Die Höfe des in der Obernkirchener Urkunde genannten Dorfes Wietersen liegen im alten Ortskern, im „Unterdorf“. Eine alte Karte mit der „ Feldflur des Dorfes Wietersheim nach der Uraufnahme des Katasters 1928-30″ zeigt uns nordöstlich des Ortskernes eine große Ackerfläche, deren eschartige Langstreifenaufteilung sie als ganz altes Feldland ausweist. Die meisten der einzelnen Flächen damals größtenteils zu den Höfen Nr.1, Schönbeck Volkening); Nr.2, Müsing (Neiing); Nr.3, Klöpper (Blierke); und Nr.4, Pöhler ( Beuing). Diese Höfe, hier noch mit den alten Hausnummern bezeichnet, sind Meierhöfe. Sie liegen alle in einer Reihe auf dem Abhang zwischen Dorfstraße und dem Bach Schnedicke. Sie sind die alten Höfe des Dorfes Wietersheim. Die alte Karte sagt noch mehr aus: Die auf ihr dargestellte Gemarkung des Dorfes Wietersheim wird noch durch Heideflächen und Waldstücke der „Gemeinheit“ gegen die Nachbardörfer abgegrenzt, abgesehen von der Weser, die die Westgrenze bildet.

Inmitten der Gemarkung liegen aber – ausser dem schon beschriebenen Feldland der alten Wietersheimer Höfe im Unterdorf – noch zwei weitere, voneinander durch andere „Gemeinheiten“ deutlich abgegrenzte weitere Flurteile, ebenfalls mit zusammenhängendem Feldland in alter Landstreifenform. Sie heißen „Schaffeld“ und „Öxterfeld“. Das Schaffeld liegt im Südwesten der Wietersheimer Gemarkung. Unter den Besitzern seiner Äcker heben sich durch große Anteile und regelmäßigen Wechsel der Flächen die Hofeigentümer Nr.5, Schjildmeier (Prange); Nr9, Watermann (Bockmeier); Nr.11, Pöhler (Dierbach) und der nicht mehr vorhandene Hof Nr.6 hervor. Es sind die Bauer des kleinen Dorfes Scapefelden, das erstmals in einer undatierten Urkunde des Mindener Bischofs Withelo aus den Jahren 1097-1120 genannt worden ist. Sie haben zu einer nicht mehr bekannten Zeit ihr Dorf verlassen und sich mit neuen Hofplätzen teils zwischen die genannten alten Höfe in wietersen geschoben, teils – wie die beiden Hofnummern 9 und 11 – nach Süden hin im „Oberdorf“ angesiedelt.

Unmittelbar an sie angrenzend müssen dann nicht lange später die „Öxter-Bauern“, wie sie noch 1776 im Kirchenstuhl-Register der Pfarrei Frille genannt werden, ihre Höfe im „Oberdorf“ aufgebaut haben. Es sind die Bauern mit den Hofnummern 8, Rösener (Räusening); Nr16, Franken, heute nicht mehr vorhanden; Nr.17, Schäkel (Briemeier); und Nr. 18, Schäkel (Warkmester). Sie waren die Bauer des kleinen Dorfes, das erstmals unter dem Namen Outirssin in einer Urkunde Bischof Konrads aus der Zeit zwischen 1218 und 1226 erwähnt wird und später Ochtersen und dann Öxten heißt. Die vier Höfe lagen im „Öxterfeld“ im Südosten der Gmarkung der jetzigen Ortschaft Wietersheim, ostwärts der Kreisstraße nach Minden. Ihre Äcker liegen auf altem Feldland mit Langstreifenform, dessen Teile „Lange Äcker“, „Öxter Feld“ und „Vor den Höfen“ heißen. Der letzt genannte Flurname gab den Hinweis auf den Platz des früheren Dorfes, wo man mittelalterliche Siedlungsscherben in großer Zahl finden konnte. Wann die beiden Dörfer, deren Entstehung ihrem Namen nach auch in die Zeit etwa des 5. Jahrhunderts fällt, von ihren Bauern aufgegeben und wüst geworden sind, hat sich nicht feststellen lassen. Es dürfte aber bis Ende des 14. Jahrhunderts geschehen sein.

Die Gründe für die Umsiedlung dürften bei der Gutsherrschaft, den Herren von Wietersen und ihren Nachfolgern, den Komturen der Johanniterritter, liegen. Sie waren Inhaber des Gogerichts, mit dem wahrscheinlich der Gerichtsplatz des Grafen Eberhard im Schaffeldgau am hohen Weserufer“ auf dem „Schoppenbarg“

(Schöffenberg) gemeint ist. Im Besitz solcher besonderen Machtbefugnisse werden sie auch das Obereigentum über die Höfe in Wietersen, Scapefelden und Öxten und damit das Recht auf Dienstleistungen von ihren dortigen eigenbehörig gewordenen Bauern erworben haben. Es ist naheliegend, daß die Umsiedlung damals zwecks leichterer Organisation und Kontrolle ihrer Hand – und Spanndienste erfolgte. Es war in den damaligen unsicheren Zeiten des Faustrechts auch möglich, sich gemeinsam wirkungsvoller zu verteidigen. In der Folge haben sich dann die Kötterhöfe gebildet, die hautsächlich dicht an der Straße im Unterdorf entstanden. Als Kötter bezeichnet man die zumeist Besitzer kleinerer Höfe, „Kuhbauern“ mit wenig Landbesitz und geringen Abgaben.

 Schule von 1904

Eine ähnliche Stellung wie sie nahmen auch manche Handwerker ein, die auf etwas Grund und Boden ihre Lebensgrundlagen erweiterten und absicherten. Kleine Anteile am Ackerland hatten die Brinksitzer. Zu ihnen gehörten die Tagelöhner des Gutes, die auf ursprünglich gutseigenem Land „Auf dem Sande“, auf den Brinken zum Osterbach hin, um die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Zeile kleiner Fachwerkhäuser errichteten.

Eine eigene Siedlung entstand damals auf gutseigenem Lande, der Ortsteil „Auf der Heide“. Er gehörte bis 1920 zur bis dahin selbstständigen Gutsgemeinde Wietersheim.

Nach dem ersten Weltkrieg kam mit Hilfe einer Wohnungsbaugenossenschaft und staatlichen Zuschüssen zum Bau einer langen Zeile von Arbeiterwohnhäusern mit kleinem Stallanbau im Ortsteil „Auf dem Sande“.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg kam es noch einmal zum verstärkten Bau von „Siedlungshäusern“, die nicht zuletzt vielen Vertriebenen neue Heime bietet und einen nicht zu übersehenden Anteil am gegenwärtigen Ortsbild von Wietersheim hat. Ein Gang durch das Dorf Wietersheim ist ein Gang durch seine Geschichte. Im Ortskern trifft man dabei auf Zeugen einer langen Geschichte seines Schulwesens, das für die Erziehung und Bildung seiner Kinder wie für das dörfliche Kulturleben von nicht geringer Bedeutung gewesen ist. Im Unterdorf steht heute noch, von den Mitgliedern des Vereins „Alte Schule“ liebevoll betreut und restauriert, das älteste, um 1780 gebaute Schulhaus Wietersheims. Es ist ein kleines Fachwerkhaus, das nach alten Überlieferungen den früheren 28 Schüler fassenden Klassenraum noch völlig unverändert besitzt. In großen, ein wenig ungelenken Buchstaben trägt der Dielentürbalken – wie bei einem Bauernhaus – eine Inschrift :

„WEIDE DEIN VOLK UND SEGNE DEIN ERBE PSL 28. VERS 9 M.I.E. DI AP 1780″

Hunderte von Schülern sind in diese Schule gegangen, aber schon nach ca. sechzig Jahren konnte sie die stetig steigende Schülerzahl nicht mehr fassen. Ein neues, größeres und für damalige Verhältnisse sehr stattliches Schulhaus wurde, in schwarz-weißem Fachwerk unter rotem Ziegeldach, errichtet und am 12. Oktober 1834 eingeweiht. Gut in Ordnung gehalten diente es lange Zeit als Wohn – und Geschäftshaus der Bäckerei und Lebensmittelhandlung Stahlke. Heute wird es als Wohnhaus genutzt. Nach weiteren siebzig Jahren waren die beiden Klassenräume des zweiten Schulhause wieder einmal zu klein geworden. Es spricht für den weitschauenden Sinn und die Tatkraft der Gemeindeväter von damals, dass sie ganz aus eigenen Mitteln und nach Plänen eines eigenen Architekten den Bau durchführen ließen. Die Regierung hatte ein viel kleineres Gebäude vorgeschlagen und – nach seiner Ablehnung durch die Gemeindevertretung – die Zahlung der Zuschüsse verweigert. In berechtigtem Stolz auf den in jener Zeit vorbildlichen Bau, fand am 14.Mai 1904 die Einweihung statt. Außer dem damaligen Gemeindevorsteher Klöpper waren auch der erste Lehrer dieser Schule, Heinrich Sudbrink, und der Pastor Gümmer anwesend. Er könnte den Text für die große Steintafel mit dem Jahr des Baubeginns an der Westseite der Schule gegeben haben:

„PSALM 111,10 DIE FURCHT DES HERRN IST DER WEISHEIT ANFANG: 1903

Neben der Wohnung für den Schulmeister, waren auch eine Diele und Stallungen vorhanden. Es wurde damals vorausgesetzt das der „Schaulmester“ das Schulland, 7 Morgen Ackerland und ½ Morgen Wiese, noch selbst bewirtschaften würde. So hat das solide gebaute Schulhaus alle Stürme der Zeit überdauert. Ist es auch im zweiten Weltkrieg trotz stärkster Bedrohung von Beschädigungen verschont geblieben, hat es doch in der „Polenzeit“ des Dorfes von 1945 bis 1949 manchen Schaden erlitten. In dieser Zeit musste die deutsche Bevölkerung teilweise die Ortschaft Wietersheim für die Polen räumen, und drei Lehrer unterrichteten die Kinder der zeitweise über 1500 polnischen Einwohner Wietersheims. Die in Wietersheim verbliebenen deutschen Kinder hatten damals lange Zeit keinen Unterricht und mussten dann lange Zeit weite Schulwege in umliegende Dörfer machen, bis Mitte 1948 in einer behelfsmäßigen einklassigen Schule im Gastzimmer der Wirtschaft Langemann die Kinder unterrichtet wurden.

 Altes Gasthaus Langemann

Am 26.April 1949, nach dem Ende der „Polenzeit“, wurde für 130 Wietersheimer Kinder mit drei Lehren der Unterricht wieder aufgenommen. Nachdem 1962 wegen steigender Schülerzahl der Anbau eines Flügels mit modernen Klassenzimmern nötig wurde, ist wenige Jahre später die Volksschule Wietersheim im Zuge der Schulreform aufgelöst worden. Ihre Schüler wurden der Grundschule und Hauptschule Lahde zugewiesen. Mit Schließung der Wietersheimer Schule endet zugleich die Schulgeschichte des Dorfes. Der Anbau der Wietersheimer Schule wird seit dieser Zeit als Kindergarten genutzt. Die Wietersheimer haben aber auch ihr jüngstes Schulhaus nicht leer stehen lassen, aber auch nicht verkaufen lassen. Die Wietersheimer Vereine haben in ihrer Kulturgemeinschaft zusammengeschlossen und einmütig und tatkräftig in vieltausend unbezahlten Arbeitsstunden die Schule zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut Heute ist das Dorfgemeinschaftshaus eine Stätte der Begegnung, der Pflege und Förderung eigenen Kulturlebens und gemeinschaftlicher sowie privater Veranstaltungen.